Dr. Udo Baer: Emotionen junger Kinder. Gefühle verstehen und ihre Entwicklung wertschätzend fördern.

Erschienen 2024 im Magazin des Marie Meierhofer Institut für das Kind (MMI), assoziiertes Institut der Universität Zürich.

Wie junge Kinder fühlen

Kinder fühlen; immer. Dabei gibt es Besonderheiten: Die Gefühle junger Kinder sind noch nicht so differenziert wie die älterer, ihre Gefühlskontrolle ist noch nicht entwickelt, sie lernen erst langsam zu lügen usw.

In dem ersten Teil dieses Beitrags werden diese Besonderheiten herausgearbeitet. In einem zweiten Teil wird beschrieben, welche essenziellen Unterstützungen die Kinder in ihrer Entwicklung benötigen. Wenn Kinder diese Begleitung nicht erfahren, so das Thema des dritten Teils, können Störungen auftreten, die zum Leiden der Kinder und ihrer Familien führen. Diese Störungen betreffen die emotionale Entwicklung der kleinen Kinder und zeigen sich ebenfalls in anderen Qualitäten wie Dauererregung (Schreien), herausforderndem Verhalten, Rückzug, Angststörungen und mehr.

Solche Zusammenhänge zu verstehen, ist ein erster Schritt praktischer Hilfe. Einige zusätzliche Hinweise werden in den Beitrag eingestreut. Wegen ihrer besonderen Bedeutung für kleine Kinder wird den Angst- und Schamgefühlen das Schlusskapitel gewidmet.

1. Besonderheiten bei den Allerjüngsten

Wenn Kinder auf die Welt kommen, können sie ihre Gefühle noch nicht differenziert ausdrücken. So scheint es zumindest für die meisten erwachsenen Menschen. Es fehlen die Worte, um Gefühle zu benennen, und es fehlt das Zusammenspiel von Worten und Gesichtsausdruck und anderen körpersprachlichen Äußerungen. Doch wenn Eltern und andere Erziehende genau hinschauen und hinhören, sind sie oft erstaunt über die Vielfalt, in der selbst Säuglinge ihre Gefühle zum Ausdruck bringen. Wer einem weinenden Säugling zuhört, kann mitbekommen, ob er weint, weil die Windel voll ist, oder ob er sich in den Schlaf knöttert, ob er Gesellschaft fordert oder ob ihm etwas weh tut. In der emotionalen Undifferenziertheit verbergen sich oft überraschende Fähigkeiten der Differenzierung.

Tipp: Wenn ein kleines Kind weint oder anders Gefühle ausdrückt, hören Sie einen Moment genau hin und lauschen Sie auch dem, was das Kind in Ihnen an Resonanz auslöst, was in Ihnen mitschwingt.

Selbstverständlich haben Kinder, je kleiner sie sind, weniger Fähigkeiten der emotionalen Kontrolle als ältere. Bis auf Ausnahmen können sie ihre Gefühle kaum dosieren oder zurückhalten. Erst ab dem Alter von zwei, drei Jahren lernen sie zum Beispiel, zu lügen und Gefühle vorzuspielen. Diese Fähigkeiten sind nicht angeboren, sie werden sozial erworben. Wenn dann versucht wird, Kinder für mangelnde Gefühlskontrolle zu bestrafen, schadet das den Kindern und der Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern.

Tipp: Seien Sie Vorbild, indem Sie Ihre Gefühle zeigen. Sie müssen nicht alles mitteilen, aber alles, was Sie sagen oder zeigen, sollte wahrhaftig sein.

Dass Kinder Gefühle haben und zeigen können, ist angeboren. Wie sie dies leben, hängt vor allem von den Erfahrungen ab, die sie in ihrer engeren Umgebung machen. Sie lernen von Vorbildern und davon, wie mit ihren emotionalen Äußerungen umgegangen wird. Emotionale Kontrolle können Erwachsene nicht „anerziehen“. Kleine Kinder brauchen vor allem die Erfahrungen, dass sie nicht abgelehnt oder im Stich gelassen werden, wenn sie „über die Stränge“ schlagen. Bei Gefühlen ist die Frage nach dem „richtigen Maß“ oft nicht zu beantworten: Wieviel Traurigkeit ist beim Verlust eines geliebten Menschen angemessen? Wie groß darf die Liebe sein? Auch bei Erwachsenen gibt es kein vorgegebenes Maß der Gefühle, das Maß ist in erster Linie individuell und subjektiv. Für Kinder gilt das erst recht. Sie müssen ihr eigenes Maß erst lernen. Und das erfolgt im sozialen Kontakt mit denen, die ihnen nahe sind.

Das subjektive Maß für die Gefühle zu lernen, braucht Nähe, braucht Kontakt, emotionale Berührung.

Tipp: Geben Sie den Kindern das Recht, ihren eigenen Weg zu suchen. Seien Sie geduldig. Gegen emotionale Kontrollschwierigkeiten helfen Begegnung und Nähe.

2. Feinfühlige Begegnung

Mary Ainsworth hat im Rahmen ihrer Forschungen zum Bindungsverhalten zwischen Mutter und Säugling das Konzept der feinfühligen Begegnung entwickelt. Damit die kleinen Kinder (auch über das Säuglingsalter hinaus) ein sicheres Bindungsverhalten entwickeln können, ist das Gelingen feinfühliger Begegnungen zwischen nahen Bezugspersonen und den kleinen Kindern notwendig. Nur dann können Kleinkinder ihren emotionalen Reichtum entfalten und kann ihre emotionale Entwicklung gelingen.

Feinfühlige Begegnungen setzen voraus, dass die Signale der Kinder wahrgenommen werden. Gefühlsäußerungen werden nicht als „Störung“ behandelt, sondern als sinnhaften Ausdruck von Bedürfnissen der Kinder ernst genommen. Jedes Gefühl hat einen Sinn: Traurigkeit zeigt, dass ein Kind etwas loslassen muss und Trost benötigt. Ärger, dass es etwas verändern will, bei sich selbst oder anderen. Liebe ruft nach Nähe, Unsicherheit nach Halt und Geborgenheit, Angst ist das Gefühl der Vorsicht und hält Kinder zurück, etwas Gefährliches zu tun. Alle Gefühle machen ursprünglich Sinn. Wird dieser Sinn über einen längeren Zeitraum nicht wahrgenommen oder respektiert, kann sich das Gefühl von seinem Anlass und seiner Sinnhaftigkeit lösen und z.B. zu einer dauerhaften Ängstlichkeit werden.

Der respektierende Austausch von Gefühlen ist folglich der Kerninhalt feinfühliger Begegnungen.

Der Säuglingsforscher Daniel Stern bezeichnete diesen Dialog als Tanz zwischen Mutter und Kind. Wenn zwei Menschen miteinander tanzen, gehen sie aufeinander ein, schwingen gemeinsam. Dieser Tanz erfolgt nicht nur zwischen Mutter und Säugling, sondern bezieht selbstverständlich Väter und andere nahe Personen einschließlich pädagogischer Fachkräfte ein. Und dieser Tanz endet nicht mit dem Säuglingsalter, sondern wird in weiteren Lebensjahren fortgeführt. Im Säuglingsalter ist er vor allem ein Tanz der Augen, der Stimmen und der Berührungen. Das bleibt er, auch wenn dann aus den Lauten Worte werden. Auch bei Worten ist der Klang oft wichtiger als der Text, zumindest in der emotionalen Bedeutung.

Tipp: Versuchen Sie, mit einem Kind zu summen. Vielleicht summt es mit. Verzichten auf Worte oder singen Sie die Worte. Viele Kinder erleben dies als Zuwendung und es fördert den emotionalen Dialog.

Feinfühlige Dialoge bedeuten nicht, dass sich immer alle emotionalen Äußerungen im harmonischen Einklang befinden müssen. Auch im gemeinsamen Tanz vollführen die Beteiligten unterschiedliche Bewegungen und Schritte. Entscheidend, dass sich die Erwachsenen auf die Kinder einstellen Und eine Atmosphäre des Verständnisses schaffen. Dabei haben die Erwachsenen ebenso wie die Kinder ein Recht auf das Anderssein, auf Unterschiedlichkeit. Ein Kind, das spielen möchte, kann durchaus auf eine erwachsene Person treffen, die dafür zu müde ist. Hier hilft die Haltung des großen UND: „Ich sehe, dass du spielen möchtest, UND ich bin jetzt zu müde dafür, ein andermal.“ Vielleicht wird das Kind sich darüber ärgern oder traurig sein – emotionale Begegnungen bedürfen auf Dauer auch das Recht für alle Beteiligten, dass ihre Gefühle gerade anders sind als die der anderen Person.

Noch zwei Hinweise sind wichtig: Der erste betrifft die Überforderung. Viele Fachkräfte sind zumindest in bestimmten Phasen überfordert, zum Beispiel, weil Mitarbeiter*innen fehlen. Viele Eltern kennen Phasen der Überforderung durch Beruf, Familie oder Krankheit. Doch auch kleine Kinder sind oft überfordert. Sie müssen sich auf so vieles einstellen und so viel lernen, dass es manchmal zu viel wird. Deswegen sind Phasen des freien Spiels und der gemeinsamen Entspannung sinnvoll, ja notwendig. Wer kleine Kinder begleitet, sollte Phasen der Überforderung wahrnehmen und respektieren, bei sich und bei Kindern. Denn sie machen reizbar und nehmen Zeit und Muße für emotionale Achtsamkeit und feinfühlige Dialoge.

Der zweite Aspekt betrifft den Halt und die Sicherheit. Kleine Kinder brauchen Sicherheit. Wenn eine erwachsene Person zum Beispiel traurig ist, kann und sollte sie dies durchaus den Kindern zeigen. Sonst lernen Kinder, dass Erwachsene nicht traurig sein dürfen. Doch auch hier ist das große UND wichtig, zum Beispiel: „Ich bin traurig UND das hat nichts mit dir zu tun.“ Oder: „Ich ärgere mich, dass du das andere Kind gebissen hast. Ich will das nicht UND ich mag dich und ich will weiter mit dir spielen.“

Das schafft Klarheit und gibt Sicherheit. Diese Sicherheit, diesen Halt brauche die Kinder, ob sie nun zeigen oder nicht. Darin besteht der Boden ihrer emotionalen Entwicklung. Dieser Boden sind Sie, ist die Beziehung zu Ihnen, als Vater oder Mutter, Erzieherin oder andere pädagogische Fachkraft.

Tipp: Wenn sie spüren, dass das Kind Halt braucht, halten sie es, bieten Sie ihm eine Umarmung an.

3. Störungen verstehen und mit ihnen wertschätzend umgehen

Wenn der feinfühlige Dialog nicht gelingt oder durch belastende Erfahrungen beeinträchtigt wird, wird auch die emotionale Entwicklung der Kinder gestört. Darunter leiden dann oft nicht nur die Kinder selbst, sondern auch andere Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte. Aus Störungen der emotionalen Entwicklung werden dann häufig Verhaltensstörungen, deren emotionaler Ursprung in Wahrnehmung und Verständnis in den Hintergrund treten kann. Doch dieser ist wichtig, denn der Sinn von Gefühlen besteht darin, dass wir Menschen uns an ihnen in unserem spontanen Verhalten orientieren. Wenn Kinder neugierig sind, wenden sie sich dem zu. Wenn sie sich fürchten, wenden sie sich ab. Ekelgefühle zeigen ihnen, dass etwas unbekömmlich ist und unbedingt gemieden werden muss. Wenn sie mutig sind, überwinden sie ihre Angst und muten sich zu. Und so weiter. Gefühle leiten das spontane Handeln, bei kleinen Kindern genauso wie bei älteren oder bei Erwachsenen. Werden diese Gefühle nicht gesehen oder nicht ernst genommen, werden sie unterdrückt, bestraft oder verächtlich gemacht, dann hat das Folgen, unter denen die Kinder leiden und oft auch deren Umgebung.

Tipp: Bestätigen Sie erst das Gefühl des Kindes, zum Beispiel: „Ich merke, dass du traurig bist. Stimmt das?“ Das gibt dem Kind die Sicherheit, dass es verstanden wird. Und dann im zweiten Schritt versuchen Sie, mögliche Hilfen oder Veränderungen anzugehen.

Hocherregung, ADHS

Wenn kleine Kinder mit ihren Gefühlen nicht verstanden werden und wirkungslos bleiben, bleibt doch die Energie des Gefühls in ihnen und kann sich aufstauen. Vor allem die Erfahrung, ins Leere zu gehen, kann zu einem anhaltenden hohen Erregungsniveau führen, für das der Anlass später für die Erwachsenen nicht mehr zu erkennen ist. Säuglinge weinen und schreien dann ununterbrochen. Bei etwas älteren Kindern kann sich die ständige Aufgeregtheit in Unruhe und Unkonzentriertheit äußern und wird oft als ADHS diagnostiziert.

Tipp: Stellen Sie sich die Frage: Was könnte das unruhige Kind beunruhigen oder beunruhigt haben?

Oft sind dauerhafte Hocherregungszustände bei kleinen Kindern auch ein Ergebnis von Überforderung. Manche werden durch oft gutgemeinte Erwartungen und Förderungen der Eltern überfordert, andere sind sehr feinfühlig und spüren eine drohende Trennung der Eltern eher als diese selbst. Oder sie sind so dünnhäutig, dass die Sorgen und Nöte von Erwachsenen bei ihnen ankommen, als wären es die eigenen. Man kann Kinder nicht von allem fernhalten, was sie erregt. Doch wir Erwachsenen sollten so offen und so transparent wie möglich kommunizieren, wie es uns geht. Immer mit dem Zusatz: „Das schaffe ich und du bist nicht schuld daran!“

Tipp: Sorgen Sie dafür, dass Kinder Ruhephasen oder Tobephasen haben, Zeiten ohne Anforderungen, und frei spielen können.

Verstummen und Rückzug

Andere Kinder, die mit ihren Gefühlen nicht gehört und akzeptiert werden, verstummen. Wenn Sie niemand hört und er-hört, entsteht in ihnen die Gewissheit: „Ich bin es nicht wert, dass man meine Gefühle ernst nimmt!“ Also verzichten sie in der Konsequenz darauf, ihre Gefühle zu zeigen, und ziehen sich zurück. Bei einigen Kindern kann das dazu führen, dass sie für ihre Gefühle keine Worte mehr finden, dass sie sogar aufhören zu reden (Mutismus). Bei Kindern mit Mutismus sollten sich die Erwachsenen fragen, was ihnen „die Sprache verschlagen“ hat und was sie in den Rückzug führte. Oft ist in der therapeutischen Begleitung solcher Kinder festzustellen, dass sie sich sehr einsam fühlen oder dass sie traurig sind und ihre Traurigkeit nicht teilen, nicht mit-teilen können. Aber auch andere verstummte Gefühle sind bei verstummten Kindern anzutreffen, es gibt keine Schemata, sondern erfordert eine individuelle Suche.

Tipp: Vor allem in Gruppen fallen die Kinder, die sich zurückziehen und emotional verstummen, oft nicht so auf wie diejenigen, die laut und aggressiv sind. Schenken Sie diesen stillen Kindern Aufmerksamkeit.

Aggressivität, herausforderndes Verhalten

Gefühle wie Ärger, Wut oder Zorn zielen darauf ab, etwas zu verändern, was den kleinen Kindern nicht gefällt oder sie schmerzt. Wird dies nicht erkannt und nicht ernst genommen, können diese Gefühle sich verstetigen und zu herausforderndem Verhalten führen. Nun können nicht alle Wünsche und Forderungen kleiner Kinder erfüllt werden. Sie brauchen auch die Erfahrung, frustriert zu werden und damit umzugehen. Doch wenn auf Äußerungen aggressiver Gefühle nur oder überwiegend mit Vorhaltungen, pädagogischen Zeigefinger und Druck reagiert wird, kann dies in dauerhafte Aggressivität münden. Vor allem, wenn die Veränderungswünsche, die in den aggressiven Gefühlen enthalten sind, ins Leere gehen und gar nicht wahrgenommen werden, kann die Aggressivität maßlos werden. Denn Leere hat kein Anfang und kein Ende, Leere ist maßlos.

Tipp: Entwickeln Sie spielerische Formen, mit Aggressivität umzugehen. Vor allem Zeitungspapier ist geeignet. Zeitungsbögen kann man zu Schwertern rollen und damit spielerisch kämpfen, ohne sich zu verletzen. Zeitungspapier können Sie zu Schneebällen knüllen und sich damit bewerfen (lassen) ...

In der „Grammatik der Gefühle“ existiert eine Regel: Gefühle können in andere umgetauscht werden. Wenn ein das Gefühl der Hilflosigkeit eines Kindes nicht gesehen und geteilt wird, kann es sich in aggressive Gefühle umwandeln. Wenn die Trauer eines Kindes z. B. über den Wegzug einer Freundin nicht wahrgenommen und das Kind nicht getröstet wird, dann das Kind sich zurückziehen oder zornig auf andere Kinder und deren Spiel reagieren. Der „Umtausch“ von Gefühlen geschieht immer unbewusst und ist ein Zeichen dafür, dass ein Kind keine angemessene Reaktion auf ein starkes Gefühl erfahren hat. Um diese Regel zu wissen, ist notwendig. Wenn sich v.a. pädagogische Fachkräfte vergeblich mit aggressiven Gefühlen und aggressivem Verhalten eines Kindes abmühen, ist es hilfreich, danach zu suchen, ob hinter dem aggressiven Gefühl des Kindes sich nicht vielleicht ein anderes Gefühl verbirgt, zum Beispiel Einsamkeit oder Hilflosigkeit. Sich um dieses verborgene Gefühl zu kümmern, kann den aggressiven Gefühlen den Boden entziehen.

Tipp: Nehmen Sie Ihre eigenen Gefühle ernst, die ein Kind in Ihnen hervorruft. Sie können ein Hinweis auf ein Gefühl sein, das das Kind verspürt, für das es aber keine Worte hat. Das sie die „Weisheit der Kinder“, solche Gefühle in Erwachsenen hervorzurufen, die sie selbst nicht artikulieren können.

4. Mit Scham und Angst kleiner Kinder umgehen

Scham- und Angstgefühle kleiner Kinder sind von besonderer Bedeutung für ihre Entwicklung. Verletzungen in diesen Gefühlen können langfristige leidvolle Folgen hervorrufen.

Um Schamgefühle kleiner Kinder zu verstehen, ist es wichtig, die beiden Hauptqualitäten der Scham zu differenzieren. Es gibt dir natürliche Scham, die als Wächter der Intimität charakterisiert werden kann. Wenn wir Menschen etwas sehr Persönliches, Intimes anderen zeigen, die uns nicht sehr nah sind, wird uns das peinlich und wir schämen uns. Worüber wir uns schämen und wie wir damit umgehen, ist kulturell geprägt. Voraussetzung ist, dass Kinder ein Grundgefühl entwickelt haben, dass sie ein Recht auf Intimität haben, dass es etwas Eigenes gibt, das schützenswert ist. Diese natürliche Scham ist ungefähr im fünften Lebensjahr entwickelt.

Doch vorher kennen viele Kinder schon die andere Qualität der Scham, die Beschämung. Sie fühlt sich zunächst ähnlich an wie die natürliche Scham, unterscheidet sich aber grundlegend. Kommt die natürliche Scham von innen, so wirkt die Beschämung von außen. Sie führt Kinder vor und gibt vor anderen Schwächen und Fehler preis. Vor allem verkündet die Beschämung, dass Kinder „zu ...“ sind: zu laut, zu still, zu schlau, zu dumm, zu dick, zu unruhig, zu wild, zu ... In den beschämten Kindern entsteht dann das Gefühl, nicht richtig zu sein und allem, was auf sie einprasselt, ausgeliefert zu sein. In späteren Jahren können sie lernen, ihre natürliche Scham ernst zu nehmen und gegen Beschämungen „Stopp!“ zu sagen. Doch das braucht Zeit und Unterstützung. Junge Kinder sind oft zuerst Beschämungen ausgeliefert, bevor sie überhaupt ihre natürliche Scham entwickeln können. Und sie sind ihnen wehrlos ausgeliefert. Das kann nicht nur das Selbstwertgefühl nachhaltig beschädigen, sondern auch im späteren Kindesalter und im Erwachsenenalter zu erhöhter Schamanfälligkeit führen.

Tipp: Vermeiden Sie Beschämungen, seien Sie achtsam, schreiten Sie ein, wenn ein Kind von anderen Menschen beschämt wird. Sie werden nicht jede Beschämungserfahrung vermeiden können, das können auch kleine Kinder verkraften. Doch Sie können die Folgen wiederholter Beschämungen verhindern.

Alle kleinen Kinder haben Angst. Sie werden täglich mit Neuem konfrontiert, das sie nicht kennen und nicht einschätzen können. Das kann Angst hervorrufen. Sie brauchen zweierlei:

  • Dass sie ängstlich sein dürfen. Sätze wie „Du brauchst doch keine Angst haben.“, sind vielleicht gut gemeint, lassen die Kinder aber an der Berechtigung ihrer Gefühle zweifeln. Kleine und große Kind haben ein Recht, Angst zu haben.

  • Dass Erwachsene sie nicht allein lassen, sondern sie unterstützen, ihnen Halt geben, sie trösten.

Das Problem für viele kleine Kinder besteht nicht in ihrer Angst, sondern darin, dass sie damit allein bleiben oder die Angst weggeredet wird.

Tipp: Versuchen Sie, die Angst zu konkretisieren. Beispiel: Ein kleines Kind kann nicht einschlafen, weil es Angst hat. „Wovor hast du denn Angst?“ „Dass da jemand ist.“ „Wo könnte denn jemand sein?“ „Dahinten in der dunklen Ecke.“ Wenn Sie das herausgefunden haben, können Sie mit dem Kind in der dunklen Ecke nachschauen oder ein Licht dorthin stellen oder ... Je konkreter eine Angst ist, desto eher können Sie helfen.

Manchmal können Ängste nicht konkretisiert werden, weil sie chronisch geworden sind oder immer wiederkehren. Meist liegen die Ursachen in kindlichen Angsterfahrungen, die von Erwachsenen nicht wahrgenommen bzw. getröstet werden (konnten). Hier benötigen die kleinen Kinder andere Hilfen. Sehr hilfreich sind Symbole gegen die Angst. Manche können den Kindern geschenkt werden, noch besser sind Symbole, bei denen sie selbst aktiv werden.

Tipp: Ein Kind bläst seine Angst in einen leicht aufblasbaren Luftballon. Der Vater hilft. Wenn die Öffnung des Ballons seitlich gezogen wird, entweicht die Luft quietschend. Beide lachen.

Ängste sind wie alle Gefühle Beziehungsimpulse, sie beziehen sich auf anderen Menschen oder Dinge. Jede Unterstützung sollte deshalb ein Beziehungsangebot sein: Trösten, Reden, Drücken, Spielen ...

Literatur:

Baer, Udo (2019/2021): Was hochbelastete Kinder brauchen. Stuttgart: Klett-Cotta

Baer, Udo; Frick-Baer, Gabriele (2008/2021): Wie Kinder fühlen. Weinheim und Basel: Beltz

Baer, U.; Frick-Baer, G. (2008/2022): Das ABC der Gefühle. Weinheim und Basel: Beltz

Dornes, M. (1997): Die frühe Kindheit. Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre. Frankfurt am Main: S. Fisch

Klaus. E Grossmann (Hrsg.) (2003): Bindung und menschliche Entwicklung: John Bowlby, Mary Ainsworth und die Grundlagen der Bindungstheorie. Stuttgart: Klett-Cotta

Stern, Daniel (1992/2020): Die Lebenserfahrung des Säuglings. Stuttgart: Klett-Cotta

Zur Person:

Udo Baer, Dr. phil., Pädagoge, Therapeut, Leiter des Pädagogischen Instituts Berlin, Publizist

www.baer-frick-baer.de